Kafkas
Arbeit am Mythos und die „talmudische Melodie“
Professur für Neuere Deutsche Literaturgeschichte
Universität
Erlangen-Nürnberg
Bismarckstraße 1
91054
Erlangen
Ausgangspunkt des Vortrags ist der Widerspruch zwischen Kafkas erkenntniskritischer Modernität und den vormodernen Bildvorstellungen seiner Texte (der „Mann vom Lande“, die „kaiserliche Botschaft“, der „Hausvater“ usw.). Kafkas Mythenerzählungen („Das Schweigen der Sirenen“) zeigen jedoch, daß solche Bildprägungen unter dem Einfluß der aufklärerischen Vernunft des Erzählers ihren archaischen Sinn verloren haben. Allerdings haben sie eine neue ‚vernünftige’ Bedeutung nicht gewonnen. Die entmytisierende Reflexion bleibt also sinnoffen, ohne Ende. Die Sinnoffenheit der Reflexion hinter Kafkas Bildern weist auf Kafkas Judentum: Auch die Kommentare des Talmud sind endelos. Aber ihre Unendlichkeit zeigt den unausschöpfbaren Bedeutungsreichtum der Religionsgesetze. Die sinnfreien Bildauflösungen des jüdischen Aufklärers Kafka dagegen erweisen nur die Begrenztheit der Vernunft, die einen abschließenden Sinn nicht zu finden vermag. Kafkas ‚modernes’ erkenntniskritisches Problem zeigt nicht nur das Dilemma der Assimilation zwischen Judentum und Aufklärung, sondern auch den Abstand seines Werks zur heutigen Postmoderne mit ihrer Sinnbeliebigkeit.